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Bericht des Mindener Tageblatts vom 22.06.2006

Sanitäter aus Herford und Minden-Lübbecke bei der WM als Reserve im Einsatz/ "Warten und hoffen, dass nichts passiert"

Von Sebastian Külbel

Dortmund. Das Wetter spielt mit. Die Rettungskräfte aus den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke packen zusammen und schließen die Klappen ihrer Transporter. Seit einer Viertelstunde regnet es, und das ist ein gutes Zeichen. Das WM-Spiel zwischen Togo und Schweiz ging in Dortmund ohne Zwischenfälle über die Bühne, und die Sanitäter dürfen früher als geplant nach Hause.

Lagerleben: Mit 158 Sanitätern und etwa 40 Fahrzeugen sind die Rettungskräfte aus den Kreisen Herford und Minden-Lübbecke mit einem Behandlungsplatz nach Dortmund aufgebrochen. (Fotos: Sebastian Külbel)

Sie sind ein bisschen wie eine Familie beim Campen. Bestens ausgerüstet, prima aufeinander eingespielt. Kaum angekommen ist der Grill aufgebaut, lodert das Feuer, liegen die ersten Würstchen auf dem Rost. Schwere Sicherheitsschuhe werden gegen Sandalen oder Schlappen getauscht, die Klappstühle aufgestellt. Die Sanitäter machen es sich gemütlich. Ein langer Tag steht bevor. Mit 158 Frauen und Männern bringen die Hilfskräfte aus Herford und Minden-Lübbecke einen Behandlungsplatz in das Sicherheitskonzept zum dritten Dortmunder WM-Spiel ein. Stationiert sind sie im sogenannten Verfügungsraum, einem Sammelpunkt auf dem Gebiet der Thyssen-Krupp-Werke. Dort sind sie mit ihrem Behandlungsplatz, dessen Zelte und Zubehör auf gut 40 Wagen verstaut ist, die zweite Reserve. Weil es diesmal ruhig bleibt, haben die Ostwestfalen einen entspannten Nachmittag. Die anfallenden Einsätze werden von den örtlichen Diensten gefahren, die von einem Bereitstellungsraum am Stadion unterstützt werden. Erst wenn darüber hinaus Einsätze anfallen, kommen die Kräfte aus dem Verfügungsraum zum Einsatz. Dort stehen neben drei Behandlungsplätzen vier Transportkomponenten bereit. Das sind Konvois mit einer festgelegten Zahl bestimmter Krankenwagen. Schon beim Start wird nichts dem Zufall überlassen. Einsatzleiter Ulrich Stender (Kreis Herford) und sein Stellvertreter Lutz Kölling (Feuerwehr Minden) stehen auf einem Autobahn-Parkplatz zwischen Lippe und Bielefeld und dirigieren die Einsatzfahrzeuge. "Wir parken so, wie wir auch zum Einsatz fahren", sagt Ulrich Stender.

Großzügiger Zeitplan macht sich bezahlt

Diese Reihenfolge wird auch bei der Fahrt nach Dortmund beibehalten. Hier macht sich die großzügige Zeitplanung bezahlt. Auf der A 2 ist Stau, die Kolonne muss über Paderborn fahren. Dennoch kommt der Tross aus Herford und Minden-Lübbecke wie gefordert vier Stunden vor Spielbeginn an - und nimmt erneut die abfahrbereite Aufstellung ein.

Diese ständige Bereitschaft zieht sich durch den ganzen Tag. Denn obwohl die Einsatzkräfte nicht mehr tun können als warten, ist an abschalten nicht zu denken. "Die Führungskräfte müssen dafür sorgen, dass die innere Spannung bleibt", sagt etwa Klaus Obermann von der Freiwilligen Feuerwehr Bünde, der als Leiter der Führungsgruppe dabei ist. Schließlich muss der gesamte Konvoi bei Bedarf binnen zehn Minuten auf der Straße sein.

Die Sanitäter nehmen es gelassen. "Ich habe meinen Klappstuhl schnell zusammen", sagt etwa Jens Schierbaum vom Minden-Lübbecker Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Er hat es sich gemeinsam mit den Kollegen bequem gemacht, noch brennt die Sonne. Müßiggang jedoch sieht anders aus: Keiner hat die Ruhe zu lesen oder gar mitgebrachte Arbeit zu erledigen.

Deshalb sitzen sie zusammen und reden. "Nett unterhalten, sich mit den Kollegen austauschen", das schätzen sie alle an diesem Einsatz. Zudem wird die Passion bedient. "Diese Fahrzeuge sieht man nicht oft auf einem Haufen", sagt Kurt Schwagmeier. "Es ist ein tolles Bild, wenn alle mit Blaulicht abrücken", findet Rolf Kott.

Zu sehen war das beim Einsatz zum Deutschland-Spiel gegen Polen. In der Halbzeit wurden zwei Transportkomponenten angefordert. "Da stand es auf der Kippe, ob auch wir aufbauen müssen", erinnert sich Schwagmeier. Gerettet hat sie der Regen. Als nämlich ein Unwetter über Dortmund nieder ging, löste sich der Brennpunkt um den Dortmunder Friedensplatz mit Fan-Fest und "Public Viewing" schnell auf.

Innenstadt steht im Mittelpunkt

Auch diesmal steht die Innenstadt im Mittelpunkt der fast stündlichen Lagebesprechung. Der Friedensplatz bietet 9000 Menschen Platz, auf dem Alten Markt können 4500 Fans feiern. Diesmal aber gibt es keine Probleme; vor, während und nach dem Spiel bleibt es leerer als gedacht. Vielleicht liegt es an der Begegnung: Togo gegen Schweiz begeistert auch im Verfügungsraum kaum jemanden. Geschaut wird in einer alten Maschinenhalle auf Großleinwand. "Beim Spiel Deutschland gegen Polen war hier tolle Stimmung", sagt Norbert Werger, Arbeitsgruppenleiter für zivilen Bevölkerungsschutz beim Kreis Minden-Lübbecke, der die Einsätze seiner Sanitäter begleitet. Diesmal aber schauen an den Holztischen nur wenige hin. Viele interessieren sich eher für die Verpflegung. Die stellt das Technische Hilfswerk (THW), das mit seiner Dortmunder Sektion den gesamten Verfügungsraum organisiert.

Und das mit Bravour. Finden zumindest die ostwestfälischen Sanitäter. "Organisation, Verpflegung, alles Spitze, es gibt nichts zu bemängeln", spricht Rolf Kott stellvertretend für alle. "Es ist immer wichtig, die Leute bei Laune zu halten", sagt Verbandsführer Ulrich Stender.

Ungern ist allerdings keiner hier. "Die WM ist ein Highlight, es ist einmalig und man ist dabei", fasst Martin Marx vom DRK-Ortsverein Hille die Beweggründe der meisten Rettungskräfte für den Dortmund-Einsatz zusammen. Schließlich sind sie fast alle ehrenamtlich tätig - ob beim DRK, den Johannitern oder der Feuerwehr.

Dass sie ihren Tag mit Herumsitzen verbringen und sich die Zeit vertreiben, nehmen die meisten eher hin als dass sie es genießen. Schließlich sind sie Teil eines Sicherheitskonzeptes, das mehrfache Reserve-Einheiten und somit einen hohen Personalaufwand vorsieht. "Wir warten und hoffen, dass nichts passiert", sagt Martin Marx zur Situation im Lager. Denn dann würden sie wie schon nach den ersten Einsätzen tatenlos abziehen. Und genau das ist das Ziel.

YouTube

Während des WM-Spiels Deutschland - Polen kam es in der Dortmunder Innenstadt zu Ausschreitungen.
Hier ein Video von YouTube bei der Abfahrt der 1. Transportkomponente vom Bereitstellungsraum.

Letzte Aktualisierung ( Sunday, 23 March 2008 )
 

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