Sanitäter aus Herford und Minden-Lübbecke bei der WM als Reserve im
Einsatz/ "Warten und hoffen, dass nichts passiert"
Von Sebastian Külbel
Dortmund. Das Wetter spielt mit. Die Rettungskräfte aus den Kreisen Herford und
Minden-Lübbecke packen zusammen und schließen die Klappen ihrer Transporter.
Seit einer Viertelstunde regnet es, und das ist ein gutes Zeichen. Das WM-Spiel
zwischen Togo und Schweiz ging in Dortmund ohne Zwischenfälle über die Bühne,
und die Sanitäter dürfen früher als geplant nach Hause.
Sie sind ein bisschen wie eine Familie beim Campen. Bestens ausgerüstet, prima
aufeinander eingespielt. Kaum angekommen ist der Grill aufgebaut, lodert das
Feuer, liegen die ersten Würstchen auf dem Rost. Schwere Sicherheitsschuhe
werden gegen Sandalen oder Schlappen getauscht, die Klappstühle aufgestellt. Die
Sanitäter machen es sich gemütlich. Ein langer Tag steht bevor. Mit 158 Frauen und
Männern bringen die Hilfskräfte aus Herford und Minden-Lübbecke einen
Behandlungsplatz in das Sicherheitskonzept zum dritten Dortmunder WM-Spiel ein.
Stationiert sind sie im sogenannten Verfügungsraum, einem Sammelpunkt auf dem
Gebiet der Thyssen-Krupp-Werke. Dort sind sie mit ihrem Behandlungsplatz,
dessen Zelte und Zubehör auf gut 40 Wagen verstaut ist, die zweite Reserve. Weil es
diesmal ruhig bleibt, haben die Ostwestfalen einen entspannten Nachmittag. Die
anfallenden Einsätze werden von den örtlichen Diensten gefahren, die von einem
Bereitstellungsraum am Stadion unterstützt werden. Erst wenn darüber hinaus
Einsätze anfallen, kommen die Kräfte aus dem Verfügungsraum zum Einsatz. Dort
stehen neben drei Behandlungsplätzen vier Transportkomponenten bereit. Das sind
Konvois mit einer festgelegten Zahl bestimmter Krankenwagen.
Schon beim Start wird nichts dem Zufall überlassen. Einsatzleiter Ulrich Stender
(Kreis Herford) und sein Stellvertreter Lutz Kölling (Feuerwehr Minden) stehen auf
einem Autobahn-Parkplatz zwischen Lippe und Bielefeld und dirigieren die
Einsatzfahrzeuge. "Wir parken so, wie wir auch zum Einsatz fahren", sagt Ulrich
Stender.
Großzügiger Zeitplan macht sich bezahlt
Diese Reihenfolge wird auch bei der Fahrt nach Dortmund beibehalten. Hier macht
sich die großzügige Zeitplanung bezahlt. Auf der A 2 ist Stau, die Kolonne muss
über Paderborn fahren. Dennoch kommt der Tross aus Herford und
Minden-Lübbecke wie gefordert vier Stunden vor Spielbeginn an - und nimmt
erneut die abfahrbereite Aufstellung ein.
Diese ständige Bereitschaft zieht sich durch den ganzen Tag. Denn obwohl die
Einsatzkräfte nicht mehr tun können als warten, ist an abschalten nicht zu denken.
"Die Führungskräfte müssen dafür sorgen, dass die innere Spannung bleibt", sagt
etwa Klaus Obermann von der Freiwilligen Feuerwehr Bünde, der als Leiter der
Führungsgruppe dabei ist. Schließlich muss der gesamte Konvoi bei Bedarf binnen
zehn Minuten auf der Straße sein.
Die Sanitäter nehmen es gelassen. "Ich habe meinen Klappstuhl schnell zusammen",
sagt etwa Jens Schierbaum vom Minden-Lübbecker Kreisverband des Deutschen
Roten Kreuzes (DRK). Er hat es sich gemeinsam mit den Kollegen bequem
gemacht, noch brennt die Sonne. Müßiggang jedoch sieht anders aus: Keiner hat die
Ruhe zu lesen oder gar mitgebrachte Arbeit zu erledigen.
Deshalb sitzen sie zusammen und reden. "Nett unterhalten, sich mit den Kollegen
austauschen", das schätzen sie alle an diesem Einsatz. Zudem wird die Passion
bedient. "Diese Fahrzeuge sieht man nicht oft auf einem Haufen", sagt Kurt
Schwagmeier. "Es ist ein tolles Bild, wenn alle mit Blaulicht abrücken", findet Rolf
Kott.
Zu sehen war das beim Einsatz zum Deutschland-Spiel gegen Polen. In der Halbzeit
wurden zwei Transportkomponenten angefordert. "Da stand es auf der Kippe, ob
auch wir aufbauen müssen", erinnert sich Schwagmeier. Gerettet hat sie der Regen.
Als nämlich ein Unwetter über Dortmund nieder ging, löste sich der Brennpunkt um
den Dortmunder Friedensplatz mit Fan-Fest und "Public Viewing" schnell auf.
Innenstadt steht im Mittelpunkt
Auch diesmal steht die Innenstadt im Mittelpunkt der fast stündlichen
Lagebesprechung. Der Friedensplatz bietet 9000 Menschen Platz, auf dem Alten
Markt können 4500 Fans feiern. Diesmal aber gibt es keine Probleme; vor, während
und nach dem Spiel bleibt es leerer als gedacht. Vielleicht liegt es an der
Begegnung: Togo gegen Schweiz begeistert auch im Verfügungsraum kaum
jemanden.
Geschaut wird in einer alten Maschinenhalle auf Großleinwand. "Beim Spiel
Deutschland gegen Polen war hier tolle Stimmung", sagt Norbert Werger,
Arbeitsgruppenleiter für zivilen Bevölkerungsschutz beim Kreis Minden-Lübbecke,
der die Einsätze seiner Sanitäter begleitet. Diesmal aber schauen an den Holztischen
nur wenige hin. Viele interessieren sich eher für die Verpflegung. Die stellt das
Technische Hilfswerk (THW), das mit seiner Dortmunder Sektion den gesamten
Verfügungsraum organisiert.
Und das mit Bravour. Finden zumindest die ostwestfälischen Sanitäter.
"Organisation, Verpflegung, alles Spitze, es gibt nichts zu bemängeln", spricht Rolf
Kott stellvertretend für alle. "Es ist immer wichtig, die Leute bei Laune zu halten",
sagt Verbandsführer Ulrich Stender.
Ungern ist allerdings keiner hier. "Die WM ist ein Highlight, es ist einmalig und
man ist dabei", fasst Martin Marx vom DRK-Ortsverein Hille die Beweggründe der
meisten Rettungskräfte für den Dortmund-Einsatz zusammen. Schließlich sind sie
fast alle ehrenamtlich tätig - ob beim DRK, den Johannitern oder der Feuerwehr.
Dass sie ihren Tag mit Herumsitzen verbringen und sich die Zeit vertreiben, nehmen
die meisten eher hin als dass sie es genießen. Schließlich sind sie Teil eines
Sicherheitskonzeptes, das mehrfache Reserve-Einheiten und somit einen hohen
Personalaufwand vorsieht. "Wir warten und hoffen, dass nichts passiert", sagt
Martin Marx zur Situation im Lager. Denn dann würden sie wie schon nach den
ersten Einsätzen tatenlos abziehen. Und genau das ist das Ziel.
YouTube
Während des WM-Spiels Deutschland - Polen kam es in der Dortmunder Innenstadt zu Ausschreitungen.
Hier ein Video von YouTube bei der Abfahrt der 1. Transportkomponente vom Bereitstellungsraum.